Das Kratzen des Federkiels, den ich über das Pergament fliegen lasse, ist das einzige Geräusch, welches das Knistern des Feuers, das im Kamin seine Arbeit vollbringt, wahrnehme, während ich die letzten Vorbereitungen für unsere fünfte Lagerei im Saland treffe. Als ich die letzte Notiz niedergeschrieben hatte und den Federkiel wieder zurück in das kleine Tintenfass stellte, lehnte ich mich zurück in meinem Stühl und warf in Gedanken versunken einen Blick aus dem Fenster.
Dort hatte alles angefangen. Dort breiteten wir damals unsere Flügel aus und flogen los und kamen auch immer wieder zurück. Genauso wie Schwalben und Spatzen flogen wir die letzten Jahre auch immer wieder an den Ort zurück, an dem alles begann. Egal ob es die sengende Hitze, der wütende Stürm oder der unermüdliche Regen gewesen war – das Saland blieb eine Herzensangelegenhgeit.
Dort fand uns auch 2020 – Haldor Alexanderson – unsere heutige Sippewache. Dort lernte er auch was es heisst ein Teil einer Gemeinschaft zu sein. Dort lernte er wie wichtig eine ehrliche Kommunikation ist. Dort lernte er, dass seine Taten Konsequenzen haben werden. Dort lernte er ein Schwarzer Rabe zu sein. Doch auch wir lernten von ihm. Wir lernten vom Saland.
«Hast du deine Sachen schon gepackt?», fragte mich meine Jarla und ich erschrak. «Ach verdammt!!! Jetzt habe ich an alles gedacht, nur nicht daran, dass ich ja auch noch was am Leib tragen muss.» schoss ich aus meinem Stühl empor und verschwand in unserem Schlafgemach.
So stiegen wir drei – Runa, Haldor und ich – auf unsere stählernen Rösser und machten uns auf den Weg zum Saland. Leider müssten wir dieses Jahr auf Bijon, Nanna, Sif und Alrik verzichten, denn ihre Dienste würden entweder im Nachbarland benötigt oder sie mussten anderen wichtigen Verpflichtungen nachgehen, welches ihr Dasein, hier im schönen Helvetia, sicherstellte. Aber keine Sorge, als wüsste ich nicht das Saland zu unterhalten.
Nachdem wir also unser Lager aufgeschlagen und dieses dann für die kommenden Sturmböhen gesichert hatten, machten wir uns daran das Lagerleben in vollen Zügen zu geniessen. Runa und Haldor gaben wieder einmal alles und machten das lagereigene Apfelkompott, welches mit Pfannkuchen, die Runa über dem offenden Feuer erschuf, verzehrten. Runtergespühlt wurden die Leckerbissen mit dem Apfelpunsch den Haldor aus den Resten entstehen liess.


Aber wie vertreibt man sich die Zeit auf einer Lagerei? Natürlich kann man(n) sich von morgens bis abends in der Sonne räkeln und sich braten lassen, in die kühle Töss springen, oder man(n) macht das, was uns – in der Schweizer Mittelalterszene – mit unter am meisten fasziniert – das Kampftraining. Der werte Georg von Ehrendingen gab den Lagernden eine Kostprobe seines Könnens und vorallem seines Wissens.
In der kühlen Nachmittagssonne fanden wir uns zusammen und lauschten seinen Worten. Wie ein Schwert aufgebaut ist, wie die Grundstellung zu seien hat und was man bei der Ausführung eines Schlages beachten sollte. Schnell wurde den Anwesenden nun klar, dass es so leicht nicht sein würde ein Schwert zu führen wie einst die Ritter und Nordmänner. Aber wenn ich in die Gesichter schaute, dann erkannte ich nicht nur die Ehrfurcht vor der Waffe, sondern auch die Leidenschaft und Freude diese zu führen.








Doch wer nun denkt das wäre schon alles gewesen, ohhh der hat sich getäuscht. Doch bevor ich zu unserem Bogenturnier komme, liess ich mir nicht die Gelegenheit nehmen und schnappte mir noch ein paar befreundete Seelen und fing diese mit meinem Seelenfänger ein.
Zum einen war es der Freiherr Samurang zu Ottenbach, welcher mich schon vor ein paar Monden gefragt hatte, ob ich sein Antlitz für die Ewigeit festhalten könnte und zum anderen war es der Jarl vom Bjorn-Klan – Bär, der Schreckliche. So fing ich an. Am Flussbett der Töss standen die Freiherren, Nordmänner und Nordmannsfrauen Model und schauten mir zu, wie ich leichtfüssig wie eine Gazelle, von der einen zu der anderen Seite hechtete, immer auf der Suche nach dem richtigen Blickwinkel.
Meine Jarla unterdessen, die ihren Seelenfänger auch dabei hatte, ging das Ganze ein wenig entspannter an. Reicht ja auch, wenn der Jarl sich bewegt – nicht war. Doch am Ende, denke ich, sind wir alle mit dem Ergebnis zufrieden und können nun auf eine wunderbare Erinnerung blicken – denn schliesslich ist das Saland eine Herzensangelegenheit.








Und nun kommen wir zu dem oben erwähnten Bogenturnier. Ich hatte lange überlegt was ich dieses Jahr auf dem Saland machen möchte. Fünf Jahre Saland war schon was und darum wollte ich dieses Jahr mal etwas anderes versuchen. In den letzten Jahren wurde es schon fast zur Gewohnheit, dass sich die Herren der Schöpfung und das edle weibliche Geschlecht daran machten die Schwerter zu kreuzen, doch dieses Jahr wollte ich gerne das Surren von Pfeilen hören, welche durch die Luft flogen um das heissbegehrte «x» zu treffen.
Naja – und wer mich kennt, der weiss, dass wenn ich einmal einen Entschluss gefasst habe, dann wird dieser auch in die Tat umgesetzt. Also entsendete ich Fynn – unseren digitalen Raben – zu Herrn Lukas von Rothegg und überbrachte ihm so meine Idee und die Bitte den Punktrichter in diesem Turnier zu sein. Zu meinem und auch zum Wohl der Schützen sagte der Herr von Rothegg zu.


Der Tag kam und die Bogenschiessanlage stand. Die ersten Schützen traffen ein und schossen sich warm. Selbst der Freiherr Stefan zu Wilchingen, Hauptmann und Erbgraf zu Hirschthal, sowie Marschall am gräflichen Hof zu Hirschthal liess es sich nicht nehmen und folgte meiner Einladung. Auch wenn Einige, in dem Moment wo sie den Hauptmann antraben sahen, ihre Chancen schwinden sahen, blieben sie standhaft.
Natürlich rief das Bogenturnier auch einige Zuschauer auf den Plan – die das Schauspiel in vollen Zügen genossen.











Doch wie hiess es in dem Blockbuster von 1986 mit Christopher Lambert doch gleich: «Es kann nur einen geben.»
Und den gab es. Der Sieger des Salandes 2024 wurde
– Ulfrik Blutrabe, Jarl der Blutraben –
Er konnte sich gegen insgesamt 17 Schützen mit einer Gesamtpunktzahl von 150 durchsetzen und den Sieg für sich erringen. Doch der Hauptmann zu Hirschthal, sowie der Freiherr zu Ottenbach waren ihm dicht auf den Fersen. Surrend flogen die Pfeile durch die Luft und trafen ihr Ziel ein ums andere Mal. Immer auf der Suche nach dem heissbegehrten «x». Doch dieses sollte einem anderen Schützen vorbehalten sein.
Auch wenn der Hauptmann mit einer Gesamtpunktzahl von 124 und der Freiherr Samurang zu Ottenbach mit 81 Punkten alles gegeben hatten – blieb der Jarl der Blutraben an der Spitze. Dennoch war es mir eine Freude und eine Ehre dieses Bogenturnier für die Lagernden zu veranstalten. Ich bedanke mich für die rege Teilnahme und hoffe auf ein Wiedersehen.
Achja – und das heissbegehrte «x» traf dann Bruder Philibert als Einziger von
– Sagitta Draco –




Zum Schluss wurde es dann noch einmal Emotional. Der Bjorn-Klan rief zur Bannertaufe auf und das Saland kam. Die Sonne ging dahin und was übrig blieb, waren graue Wolken, die sich über das Tösstal lagen. Doch keiner dachte daran Trübsal zu blasen, denn ein neues Banner sollte in diese Welt – hier auf Midgard – ihr neues zu Hause finden. So wie es auch letztes Jahr unseres fand. Darum kann nur zu gut Jarl Bär nachempfinden was es für ihn und seine Sippe bedeutet hat – dieses zu segnen.
An diesem Tag, mit all den Menschen, die dem Bjorn-Klan die Ehre gaben, mit all den Freunden an ihrer Seite und mit all seinen Brüdern und Schwester um ihn herum, wusste nun Jarl Bär vom Bjorn-Klan für was und vorallem für wen er all die Tage und Nächte jeden einzelnen Stich mit der Nadel getan hatte. Denn das Saland bleibt eine Herzensangelegenheit.
Die Stimme des Druiden Erodiyn Stigandr Erolson drang an unsere Ohren und wir lauschten den Klängen der Töss. Das Wasser, welches uns von dem Ritualsplatz trennte, zeigte uns mehr denn je, warum es das Element des stetigen Wandels ist.
Wir – die Schwarzen Raben – wünschen dem Bjorn-Klan alles Gute und möge ihr Banner stehts unter den wachsamen Händen der Götter ruhen. Asa og Vana.





Ich sitze nun hier und schreibe fünf Jahre später meinen fünften Bericht über das Saland und wenn es Odin sein Wille gewesen sein soll, dass ich genau hier und heute bei diesem Bericht eine Gänsehaut bekomme, dann war das der Wille der Götter und sollte so sein.
Wo auch immer uns unsere Schwingen hintragen werden – wir werden das Saland so schnell nicht vergessen, denn am Ende ist und bleibt es – eine Herzensangelegenheit.
Kalle Michalson, Jarl der Schwarzen Raben


